Die Webkunst der Maya

Auch heute noch kommt dem Weben und der Tracht in den indianischen Gemeinschaften eine tiefe Bedeutung zu. Das Weben ist neben der Landwirtschaft oder einer kleinen Nutztierhaltung oftmals die einzige Möglichkeit der Frauen, wirtschaftlich zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Über diesen wirtschaftlichen Aspekt hinaus kommt dem Weben eine große kulturelle und spirituelle Bedeutung zu. In der Webkunst liegen die Wurzeln indianischer Kultur und der persönlichen Identifikation mit der indianischen Gemeinschaft und Spiritualität.

In einer alten Maya-Legende wird erzählt wie die Webkunst auf die Erde kam:

Als die Göttin Ishmukane ihre beiden Enkel Jun Ajpu und Ishbalamke schlotternd und frierend in der irdischen Kälte sah, sagte sie sich: "Jahre ist es her, daß mein Sohn in der Unterwelt getötet wurde. Es macht mich traurig, zu sehen, daß meine Enkel Schmerzen und Kälte erleiden müssen, weil sie Waisen sind... Als Großmutter habe ich die Pflicht und Verantwortung meine Schwiegertochter Ishkik zu lehren, wie man Kleider webt."
So begann Großmutter Ishmukane, ihr das Weben beizubringen. Doch die Webkunst zu erlernen war nicht leicht für Ishkik. Die Zeit verging, sie hatte das Weben noch immer nicht gelernt, und die Großmutter war es müde, ihren menschlichen Anstrengungen zuzusehen. Eines Tages, als die Großmutter einen Spaziergang auf dem Land ihrer Schwiegertochter machte und darüber nachsann, wie sie ihren Lehrversuchen zum Erfolg verhelfen könne, entdeckte sie in den Büschen eine kleine Spinne.
Die Spinne zog weiße Fäden von einem Zweig zum anderen, mit völliger Hingabe, und dann verband sie die Fäden mit anderen zu einem perfekten Gewebe. Sofort machte sich die Großmutter auf, um Ishkik zu rufen. Diese kam und sah sich an, wie die Spinne webte. So geschah es, daß Ishkik das Weben lernte und die Kunst weitergab, von Generation zu Generation bis zum heutigen Tag.

Die Webarbeit der Frauen ist nicht nur die Fortführung einer Tradition, sondern kommt einer individuellen Geschichtsschreibung gleich, die über Formen, Farben und Musterkombinationen durch ihr Sichtbarmachen über die Kleidung in das kollektive Gedächtnis der Gemeinschaften überführt werden. Hier liegen die tiefe Bedeutung des Wirkens der Frau und ihre Teilhabe an der spirituellen Weiterentwicklung der Maya-Gesellschaft.

Wenn ich hinaufsteige zum Haus der alten Weberin
betrachte ich voll Staunen was ihrem Geist entspringt;
tausend verschiedene Muster nebeneinander,
und kein einziges Modell kommt dem herrlich gewebten Tuch gleich,
mit dem sie die Gefährtin des Treuen und Wahren schmücken wird.
Die Menschen bitten mich immer darum ihnen den Markennamen zu nennen,
ihnen genaue Modelle anzugeben.
Aber die Weberin läßt sich nicht in Raster pressen und nicht in Schnittmuster.
Alle ihre Webereien sind Originale und Wiederholungen gibt es nicht.
Ihr Einfallsreichtumg ist über alle Planung erhaben.
Ihre geschickten Hände brauchen keine Vorlagen und Muster.
Es wird so, wie es wird, aber sie, die ist, wird es weben.
Die Farben ihrer Webfäden sind klar:
Blut, Schweiß, Ausdauer, Tränen, Kampf, Hoffnung,
Farben, die keine Zeit verwaschen kann.
Die Kinder der Kinder unserer Kinder
werden die Hand der alten Weberin wiedererkennen.
Vielleicht bekommt sie dann einen Namen.
Aber als Muster wird sie niemals wiederholt werden.
Jeden Morgen sehe ich ihre geschickten Finger die Fäden aussuchen,
einen nach dem anderen.
Ihr Webstuhl ist lautlos und die Menschen beachten sie nicht
und trotzdem wird das Muster,
das Stunde um Stunde ihrem Geist entspringt,
mit vielen Farben, mit Figuren und Symbolen, in ihren Fäden sichtbar,
daß niemand es je auswaschen und vernichten kann.

Julia Esquivel

 

 

 

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